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Rock am Kopp

Sie stehen noch immer, blicken missmutig von der anderen Straßenseite herüber auf den Eingang zum Boulevard. Die Zeugen standen bereits dort, als der Brühl noch lebte, als Musik noch durch die Wände hinaus auf den Boulevard drückte und sich Menschen in den kleinen Cafe´s niederließen, um vom Bummel auszuruhen. Traurig, bedenkt man, dass sie, wie sie dort alleine bei jeder Witterung draußen das Magazin fest umkrampft herumlungern, dem, was man als Rebell bezeichnet, mittlerweile am nächsten kommen. Was sagt das aus, wenn man im Vergleich mit ihnen schlecht abschneidet? Sie können ihn noch bezeugen, den Niedergang und Fall des Viertels, bewachen die Tore zum Brühl und blicken in diesen Tagen von ihrem Wachturm aus, in Richtung “Nischel”, wo kommende Ereignisse ihre Schatten in Form einer wuchtigen Stirn und eines eckigen Bartes voraus werfen. 

Zusammen mit der Werbeagentur Zebra hat die Stadt Chemnitz Pläne für ein neues Event ausgeheckt. „Rock am Kopp“, das alles versprechende Freiluftkonzert soll ab Sommer, einmal im Monat die Bewohner der Stadt mit Livemusik lokaler, aber auch über die Stadtgrenzen hinaus bekannter Bands versorgen. Durchaus erfreulich, hält das Motto der neuen Chemnitzer Imagekampagne “Die Stadt bin ich” zum Mitreden und auch zum Kritik üben an. Sicher, im Subtext schwingt die Bitte mit, sich doch eher auf Positives zu beschränken - aber schließlich handelt es sich hierbei ja auch um eine Werbekampagne. Der Impuls zur Verbesserung des Images der Stadt soll von innen kommen. Jene, die Chemnitz lieben und leben, freuen sich, dass ihre Loyalität nocheinmal offiziell, wenn auch unnötigerweise, bestätigt und anerkannt wird. Außer Frage steht auch, dass in Chemnitz schon seit langem viel Potential brach liegt: Sei es der vorhandene Platz, der nur darauf wartet freier Entfaltung zu dienen oder die Möglichkeit Nischen in einer bis jetzt noch nicht überfrachteten Stadt zu besetzen. Ist das Nörgeln und Stöhnen der anderen möglicherweise weniger auf nicht vorhandenen Lokalpatriotismus, als auf eine gescheiterte Stadtplanungspolitik zurück zu führen, die 25 Jahre nach der Wende immer noch nicht richtig weiß, wie Sie mit dem Erbe der Sozialistischen Musterstadt umgehen soll? Anstelle von Urbanität und städtischen Treiben zeichnen leere Baufelder, überbreite Straßen und zu Fuß unüberwindbare Strecken das Bild der Kernstadt. Wächterhäuser, eine Kneipenmeile oder gar ein Szeneviertel sucht man vergebens. Zuviel Leere in der drittgrößten Großstadt in Ostdeutschland und keine Visionen.

Das Projekt „Rock am Kopp“ setzt vorerst auf das Füllen dieser leeren Flächen. Die ehemalige Demonstrationsmeile vorm Nischel soll mittels Open-Air-Konzerten an Attraktivität gewinnen. Kraftklub und KIZ haben es mit ihrem Guerilla-Konzert auf dem Dach des Terminal 3 vorgemacht, auch wenn im Anschluss ziemlicher Ärger dafür anstand. Um Unannehmlichkeiten dieser Art in Zukunft zu vermeiden orientiert man sich nun stärker am Musikvideodreh der Berliner Band Seeed. Offensichtlich hat man wieder neuen Mut gefasst, auch wenn dies nur der Chutzpe Dritter zu verdanken ist. Ob das ausreicht neue Reize in die Stadt zu tragen, oder besser um Reize in die Stadt zu tragen, die genügend Außenwirkung besitzen, um relevant genug zu sein? Scheinen doch Einige zu glauben, dass Kultur nur dann einen gesellschaftlichen Wert hat, wenn sie so offensiv und öffentlichkeitswirksam wie möglich ist. Geht es dabei wirklich noch darum ein Wohlfühlumfeld für die Bürger zu schaffen oder viel mehr sich ein weiteres Mal in den Ring wagen zu können, sich im Kampf um Fachkräfte und Zuzüge oder schlicht im extrovertierten Vergleich mit anderen Städten zu beweisen? „Rock am Kopp“ wird das nicht leisten können und man kann nur hoffen, dass auch niemand diesen Anspruch erhebt. Für das Stärken der weichen Standortfaktoren ist mehr Vertrauen in die vorhandene Kulturlandschaft und vorallem eine ihr angemessene Wertschätzung maßgeblich von Nöten. Erhalt und Stärkung von Kultur und Szene müssen Gegenstand der Bemühungen und nicht nur Mittel zum Zweck sein, sonst laufen diese Gefahr entgültig unter die Räder zu geraten.

Die Stadt beweist mit „Rock am Kopp“ Initiative, geht aber, wenn auch im Ansatz löblich, nicht weit genug. Es braucht nicht nur Konzepte sondern auch eine glaubwürdige Haltung, um die vielen Worthülsen wie "Stadtfest" oder "Kulturkaufhaus" mit Inhalten zu füllen, die gerade der jungen Generation fehlen. Der Slogan “Die Stadt bin ich” vermutet, dass die Stadt ein Konstrukt ist, an das es zu glauben lohnt, formuliert jedoch im selben Atemzug Zweifel an der eigenen Aussage. Ähnlich zu Pinocchios “Ich bin ein richtiger Junge” kann das Ganze nach hinten los gehen und wird sehr wahrscheinlich falsche Signale nach außen tragen. Nur soviel soll noch gesagt sein. Den Verzweiflungsstolz der Chemnitzer für Werbung zu nutzen ist mutig und lässt auf hohe Risikobereitschaft schließen. Gespannt und unangenehm angespannt bleibt abzuwarten, ob auch diese Veranstaltung wieder einen peinlichen Nachgeschmack hinterlassen wird. Hoffen, dass alles gut geht kann man ja trotzdem.


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